IM ZWEITEN STOCK LIEGT ERITREA

IM ZWEITEN STOCK LIEGT ERITREA

Die heutige Tour des 34-Jährigen im Ethnohemd ist die erste, die mehrere Kulturen einschließt. Es ist eine Weltreise durch die eigene Stadt. Samson verteilt Hühnchen mit Kichererbsenpüree, Fladenbrot und eine fruchtig-scharfe Soße. Er wirkt dabei so zwanglos, als bewirte er Kumpel anstatt wildfremde Menschen. Zwei seiner Freunde sind auch da und öffnen Kölschflaschen für die Gäste. Anfangs irren noch Blicke auf der Suche nach Besteck umher, dann tun wir es Samson gleich und essen mit den Fingern. Die Gespräche flammen auf, als stünden wir in einer Kneipe. Es geht natürlich um Eritrea, das so wenig von sich preisgibt wie kaum ein Land auf der Welt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stuft seine Pressefreiheit auf Rang 173 ein. »Das ist der letzte Platz hinter Nordkorea«, sagt Samson und lässt noch eine Schüssel Püree herumgehen. »Das muss man erst einmal schaffen«, kommentiert ein Mann mit Baseballkappe und grinst etwas unsicher.

Der schlaksige Musiker Samson ist einer der 25000 Eritreer, die in den achtziger Jahren vor dem Krieg flüchteten und in Deutschland Asyl erhielten. Im Alter von elf war er Soldat geworden und hatte gegen die äthiopische Herrschaft kämpfen müssen. »Fünf Kugeln haben mich bei einem Überfall auf unser Lager getroffen«, sagt der 41Jährige und zeigt auf Beine, Bauch und Arm. Dann kramt er ein Ding hervor, das aussieht wie eine Mischung aus Harfe und Gitarre. Es ist eine Krar, das Nationalinstrument Eritreas. Als Samson anfängt, darauf zu spielen, staunen wir. Solche Musik hat keiner von uns je gehört. Sie birst vor Kraft und klingt zugleich merkwürdig zerbrechlich. Auch Samsons Gesang in der kehligen Landessprache Tigrinya geht unter die Haut. Unterdessen verteilt ein Freund Übersetzungen der Texte, und wir wundern uns, dass sie gar nicht zu den Liedern passen wollen. Samson singt von Ungleichheit und Solidarität, von falschen Ideologien und steinigen Wegen. Die maschinengeschriebenen Zettel sehen aus, als seien sie schon durch viele Hände gegangen. »Nehmt sie mit«, sagt Samson zum Abschied und klopft jedem von uns auf die Schulter. Als wir wieder im Freien stehen, blicken wir noch einmal zurück auf das hässliche Haus, das plötzlich anders wirkt. Es ist jetzt das Haus von Samson Kidane. …“